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Straßenfotografie – Eine von der DSGVO bedrohte Kunstform?


Eines muss ich diesem Beitrag vorweg schicken. Ich bin weder gelernte Juristin noch soll dieser Beitrag als eine Art Rechtsberatung gesehen werden. Aber ich habe mit besten Wissen und Gewissen recherchiert.

 

Foto von Vereinsmitglied Mirco Ulfers

Straßenfotografie

So eine richtige Definition des Wortes „Straßenfotografie“ gibt es nicht. Es ist vielmehr ein Bereich der Fotografie, der verschiedenste Stile und ihre bekannten Fotografen umschreibt und unter einem Oberbegriff zusammenfassen will. Ganz allgemein kann man sagen, dass jede Art von Foto zur sogenannten „Streetfotografie“ gehört, welches den öffentlich Raum, Straßen, Lokale und Geschäfte jeglicher Art abbildet. Dabei kann eine ganze Passantengruppe oder ein einzelner Mensch im Fokus stehen. Straßenfotografie setzt nichts in Szene. Diese Art der Fotografie lebt davon, spontan einen Moment einzufangen und somit einen einmaligen, in dieser Konstellation nicht wiederholbaren Augenblick festzuhalten.
Darin besteht die eigentliche Kunst der Straßenfotografie. Im Moment der Aufnahme den Charakter eines Ortes und die Atmosphäre einzufangen. Mit seinen Gegensätzen und Kontroversen. Oftmals will der Fotograf auf bestimmte Situationen hinweisen. Denn gerade die Straßenfotografie ist eine Möglichkeit, politisch-kontroverse Fragen mit künstlerischem Wert zu verpacken. So sind auch fotografische Reportagen von ein und dem selben Ort in einer zeitlichen Abfolge und Milieustudien weitere Aspekte dieser Fotokunst.

Die Fotos sind häufig Schwarz-Weiß Kompositionen und bedienen sich verschiedenster stilistischer Mittel. Wie zum Beispiel bewusste Unschärfe, gewöhnungsbedürftige Fokussetzungen, körnige Aufnahmen oder gekippte und verschobene Fluchtpunkte, so dass das Bild schräg wirkt.

 

Geschichte

Die Geschichte der Straßenfotografie beginnt schon Ende des 19. Jahrhunderts. Eugéne Atgets (geboren am 12. Februar 1857) fotografierte in den Straßen von Paris und in den Vororten. Er legte mit seiner Art der Bilder den Grundstein für die Straßenfotografie.

So richtig Fahrt nahm diese Kunst in den 1930er Jahren auf. Die ersten Kleinbildkameras kamen auf den Markt und revolutionierten die Fotografie. Es gibt wohl keine andere Art der Fotografie, die so viele unterschiedliche Bildbände hervorgebracht hat. Jede Epoche hat so seinen Fotografen, der durch seine eigenen Stile das Alltagsleben seiner Zeit mit all seinen Facetten ins rechte Bild gerückt hat. Ich möchte gar nicht alle aufzählen. Aber zumindest die nennen, die herausstechen (für mich).

Robert Franks ist ein schweizerischer-amerikanischer Fotograf, Filmregisseur und Kameramann (geboren 09. November 1924 in Zürich). Mit seinem Fotobuch „The Americans“ schaffte er es 1958 einen einmaligen Einblick in das Leben der Amerikaner zu schaffen. Auch heute ist das Buch noch aktuell.

Zu den großen deutschen Straßenfotografen gehört Hildegard Ochse. Sie wurde am 07. Dezember 1935 in Bad Salzuflen geboren und ist uns im Foto-Treff-Bielefeld wohl rein räumlich am nächsten (gestorben 28. Juni 1997 in Berlin). In ihrem Fotobuch „Café Mitropa“ zeigt sie ihre Fotoreihe „No Future“. Die Fotos entstanden 1980 in der Golzstraße in Berlin Schöneberg. Die Milieustudie zeigt Berlin im Wandel der Zeit mit allen Aspekten der 80er. (Aber dieser Bildband ist nicht der einzige. Unzählige Fotoreihen wurden von Hildegard Ochse veröffentlicht und prägten eine gesamte Epoche).

Zum Schluss möchte ich noch Vivian Maier erwähnen. Zu Lebzeiten (01. Februar 1926 – 21. April 2009) war sie eine unbekannte Fotografin, die erst nach ihrem Tod die Lorbeeren für ihre Arbeit erntete. Die Fotografen Ron Slattery und Randy Prow fanden 2007 die Negative und zahlreiche Fotos der Fotografin und machten sie kurz vor Maiers Tod über die Plattform Flickr einem großen Publikum zugänglich.

 

Rechtliches

Gerade rechtlich, nach dem in Kraft treten der DSGVO (Datenschutzgrundverordnung), ist das Thema Straßenfotografie eine fragliche Sache. Eigentlich sind nämlich jetzt alle Fotografen dazu verpflichtet, jeden abgelichteten Menschen (auch wenn man diesen nur von hinten oder gar nur teilweise sieht) vor dem entstehen des Fotos um schriftliche Erlaubnis der Datenspeicherung- und Verarbeitung zu bitten. Doch gerade in der Straßenfotografie, die ja Momentaufnahmen wiedergibt, ist das so nicht wirklich umsetzbar.

Da stehen auf der einen Seite das allgemeine Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 GG i. V. M Art. 1 Abs 1 GG). Dieses Recht schützt jeden Menschen davor, ungewollt fotografiert zu werden.

Dann gibt es noch das Recht am eigenen Bild (Kunsturhebergesetz (KUG) von 1907). Nach § 22 KUG muss ein Mensch, den man auf einem Foto erkennt, vorher schriftlich um Erlaubnis gefragt werden, um das Foto zu veröffentlichen (oft wird das als Model-Release Vertrag bezeichnet).
Doch keine Regel ohne Ausnahme. Im § 23 KUG wird folgendes als Ausnahme betrachtet und somit ist auch kein Einverständnis einzuholen.

1.  bei Bildnissen der Zeitgeschichte
2. bei Personen als Beiwerk,
3. Fotos von Versammlungen und ähnlichen Vorgängen, an denen die erkennbaren Personen teilgenommen haben und
4. schließlich für Fotos im höheren Interesse der Kunst.

Und damit kommen wir auch schon zu dem Punkt, der die Anwendung der DSGVO so kompliziert macht. § 23 Abs 1 Nr. 4 KUG. Das höhere Interesse der Kunst. Die sogenannte „Kunstfreiheit“.

Noch ist das alles sehr schwammig, diese neue Rechtslage, die mit der DSGVO daherkommt. War es aber ehrlich gesagt, auch schon vorher. So richtig eindeutig, welches Gesetz jetzt mehr Gewicht hat, war es nie und wurde bisher in Einzelfällen entschieden. (Was es vor der DSGVO auch schon gab.) Während das Oberlandesgericht Köln das Kunsturhebergesetz als vorrangig einstufte, und damit der DSGVO unterordnete, entschied das Amtsgericht Berlin genau anders herum, und stufte die DSGVO sogar noch wichtiger ein als das Grundgesetz. Ein klärendes Urteil erwarten selbst Experten nicht vor 2025.
Die genannten Gesetze des Persönlichkeitsrechts und das Kunsturhebergesetz gab es schon vor der DSGVO. Es bleibt also abzuwarten, bis es einen neuen Präzedenzfall gibt, an dem wir uns orientieren können. Denn irgendwie scheint das im Moment alles eine Frage der Auslegung zu sein. Und egal wie viel ich recherchiere, ich bekomme auf einschlägigen Seiten immer eine andere Interpretation der Sachlage.

Was heißt das nun für die Kunst der Straßenfotografie? Ich persönlich habe wirklich keine Ahnung, ich weiß nur, dass ich es sehr schade finden würde, wenn es diese Art von Fotos nicht mehr geben würde. Denn Leben kann man eben nur bedingt nachstellen.

 

Claudia bloggt hier immer Mal wieder rund um das Thema Fotografie und Fotomotive. Im Foto-Treff-Bielefeld e.V. kann sie all ihren Steckenpferden nachgehen. Bloggen, fotografieren und die sozialen Medien mit Inhalten füllen.

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